Österreich den Österreichern

oder das Millennium der besonderen Art

Ein politisches Sittenbild, am Ende des Ersten und vor Beginn des dritten Jahrtausend – (Eine Nichtgehaltene Rede vor ausländischem Publikum im Jahre 1000 nach österreichischer Zeitrechnung)

Sehr geehrte Damen und Herren, wertes Publikum

Während ich diese Zeilen skizziere läuft im Fernsehen gerade die Wiederholung der Feier anlässlich der Verleihung des Ifflandsringes an Bruno Ganz (ein Schweizer – auch Ausländer, wenn auch nicht ganz so schlimm). Aber Künstler sollen ja in den neuen Ausländergesetzen dieser “schönen Alpenrepublik” privilegiert behandelt werden, auch wenn der Wiener FF-Mann der größten Opposition (hoffentlich nicht aller Zeiten, damit haben wir schon Erfahrung) eben dies kritisiert. “Wir wissen ja, was alles im Rotlichtmilieu als Künstler gilt. Bruno Ganz als Strichjungen zu verdächtigen, ich weiß nicht. Aber wie fragt der Klubobmann der kleineren Regierungspartei: Wollen wir in Wien wirklich einen Bubenstrich? Vielleicht weiß er ja was ich nicht weiß. Aber egal. Wer ein guter Ausländer ist bestimmen in dieser unserer Alpenrepublik immer noch wir, und das Finanzamt. Es geht ja immerhin um einen Aufenthaltstitel. Dieser wird vom Innenministerium vergeben. Ob dieser gute Ausländer dann auch arbeiten darf, das entscheidet freilich ein ganz anderer, nämlich der Sozialminister. Sozial ist es dann, einen Aufenthaltstitel gehabt zu haben, um mit dem Wiener Führer der größten Opposition zu sprechen, auch bescheidenen Wohlstand erworben zu haben, und ganz im Sinne der allgemeinen Schulpflicht (seit dem Reichsvolkschulgesetz von 1869 ganz etwas neues) auch seine Kinder ordentlich in die Schule geschickt zu haben, wenn dann durch widrige Umstände sein Arbeitsplatz verloren geht, diesen Aufenthaltstitel von einer ausländischen Botschaft wieder beantragen zu dürfen.

In diesem Zusammenhang stellt sich mir und uns die ewig aktuelle Frage: Soll Wien Chicago werden oder anders formuliert soll Österreich Einwanderungsland werden? Nein natürlich nicht! Da wissen sich die größte Regierungspartei und die größte Oppositionspartei einig. Aber Integration, dass soll unser Ziel sein. Integration speziell derer, die wir geholt haben um für uns die (Drecks)Arbeit zu erledigen. Da könnte sonst ja jeder kommen. Was ist das nun für ein Ding: Integration? Dazu ein für Sie geschätztes Publikum vielleicht exotischen Beispiel: Es gibt ein Land das wir Südtirol nennen, dessen Wetter wir täglich im Fernsehen sehen, und das doch nicht Teil unserer Republik ist. Dem Klubobmann der kleineren Regierungspartei ist dies, als geborenen (Nord)Tiroler nun von Geburt an vermutlich, ein besonderes Anliegen. Wie wären nun diese italienischen Staatsbürger wohl zu integrieren? Zwangseinweisung beim Heurigen und Kurse im Absingen von Wienerliedern? Aber nein, die nigerianischen “Nichtstudenten” und “Nichtwirklich-Künstler im Rotlichtmilieu” sollen ordentlich behandelt werden. Soll heißen, “sie ham a guats Bett, sie ham a guats Essen, so ist das nicht“. Um dies zu gewährleisten kam man vor einiger Zeit auf eine m²-Rgelung, und zwar mindestens 10 pro Person seinen Ortsüblich. Es gibt etwas Vergleichbares: auch bei der Einrichtung von Aquarien wird die Länge der Fische in Verhältnis mit der zur Verfügung stehenden Literzahl gesetzt. (Anm.: eigentlich interessant, dass dies nicht in die Verordnung zu den so genannten Ausländergesetzen übernommen wurde. Vielleicht hätten ja dann 5 Asiaten auf dem Raum von 3 Afrikanern leben dürfen. Für solch schwierige Analysen hält unser Naturhistorisches Museum einen “Rassensaal” bereit. Aber wir wollen hier nichts unterstellen.) Nun hat die größte Oppositionspartei dieses Landes seit Jahren behauptet, es werden jedes Jahr mehr Ausländer in Österreich geben, und dies ist schlecht. Wir haben nämlich soundsoviele Arbeitslose und soundsoviele Ausländer. (Anm.: Auch ohne Ausbildung nach dem Reichsvolkschulgesetz von 1869 sollte jeder zumindest Wahlberechtigte im Stande sein diese Gleichung aufzulösen. Was 1933 wahr war, kann heute so falsch nicht sein, noch dazu wo sie damals eine ordentliche Beschäftigungspolitik hatten (© der Führer der größten Oppositionspartei) )

Und was tut die größere Regierungspartei? Statt zu sagen: Jawohl meine Lieben, so ist es und so soll es sein. Wir wollen das, weil wir es brauchen. Aber nein, was tun sie? Sie fallen in ein unwürdiges Schauspiel, dessen ewige Refrain darin besteht zu versichern: Das stimmt doch gar nicht, weil wir sowieso das tun, was ihr wollt. Wenn das nicht hilft, werden die USA als Mutterland der Demokratie und Erfinder der Greencard in den Zeugenstand gerufen. Motto: Wir holen doch nur die, die wir brauchen. Und gegen eine ordentliche Beschäftigungspolitik könnt doch gerade ihr nichts haben. Soweit, so schlecht. Ein Land, das bis heute Minderjährige und Geisteskranke exekutiert, mag mir nicht so recht als moralischer Standard gelten. (Im Fernsehen lässt man den neuen Ifllandringträger sagen: „Sie haben nichts begriffen, sie sind wie alle anderen. Wem zum Teufel soll ich Ihnen vorspielen?“) Wie kann man nun den Millenniumsösterreicher mit all dem Wissen definieren? Er ist wie gesagt Inländer, in erster Linie Inländer (Anm.: Dass eine der schärfsten Rumsorten dieses Landes “Inländer-Rum” heißt, sei nur am Rande erwähnt). Im Osten unserer Alpenrepublik heißt er vermutlich Svoboda oder Vislocil, was aber in diesen Breiten noch durchaus als germanisch durchgehen kann. Er liebt sein Land und sich selbst, nach dem guten alten Spruch: „Mir san mir und mir san wer“ (Übersetzung: Wir sind wir, und wir sind wer). Er ist stolz auf internationales Flair, besonders wenn es im Ausland stattfindet. Eine Ski-WM ist allerdings auch im eigenen Land möglich. Wir zeigen gerne was wir können. Früher zum Beispiel Skifahren. Der Millenniumsösterreicher liest auch gerne. Er liest in seiner Zeitung sogar täglich alles. Karl Kraus hat einmal die Bedingungen für den Beruf des Journalisten skizziert: Es genüge nicht keine Gedanken zu haben, man müsse auch unfähig sein diese Auszudrücken. Dem Großteil unserer Schreiber gelingt dies ganz gut. Für viele ist es sogar die einzige Möglichkeit vom Schreiben zu leben. Wenn Sie sich unsere Auflagenstärksten Blätter einmal an einem Bahnhofskiosk betrachten, werden Sie wissen was ich meine. (tun Sie es ruhig, es dauert nicht lange). Und das in einem Lande, das sich rühmen darf die größte Tageszeitung der Welt zu besitzen (in der Relation Auflage/Einwohner). Der Preis dafür ist zwar ein Medienkartell, das in seiner Konzentration seinesgleichen sucht, aber was soll’s. So sind wir eben.

Jetzt, wo sie all das wissen, werden sie sich vermutlich fragen: Und wie reagiert die Politik? Die Antwort ist ernüchternd: Sie findet nicht statt oder besser gesagt sie findet statt als totale Nichtperformance. Politik wäre das ganze Stück, was hier und heute jedoch zählt ist der Akt, die Szene. Wichtiger noch als das Stück ist uns die Besetzung, besonders dann wenn es um internationale Auftritte geht. Die Form geht uns eben immer noch vor dem Inhalt. Die einzige Veranstaltung mit Programm sind die Wiener Festwochen. Dort sieht man auch Politiker, zumindest manchmal. Immer die Selben zwar, aber immerhin. Politik und Kultur sind auch nach tausend Jahren das was nach den Worten des Vorsitzenden der großen Regierungspartei Familie und Beruf nicht sein dürfen: ein Widerspruch. Die vorhandene Politik ist eine Getriebene. Getrieben von der größten Oppositionspartei und dem eigenen Werteverlust. Wollen ist schwer, müssen ist leicht. Und dann wird drauflosgeschnürt. Ein Paket, das den Weg ins nächste Jahrtausend, sei es nun das zweite oder dritte, weisen soll. Aber die Bedrohungen denen sich unser kleines Land stellen muss sind ja wirklich nicht zum Lachen. Nein wirklich nicht. Da wäre, glaubt man dem größten Kleinformat der Welt, an erster Stelle die Russenmafia, an zweiter Stelle die Türkenmafia und an dritter Stelle Brüssel. Die ersten beiden wollen in Österreich ihr Geld veranlagen, und Brüssel will verhindern, daß das auch weiterhin anonym geschehen kann. Vielleicht ist es kein Zufall, dass eine der populärsten Werbefiguren dieses Landes Ano Nym heißt. Es ist eben verdammt schwer der Beste zu sein.

Und wie werden wir mit all dem fertig? In der alten Hymne der Monarchie hieß es: mit vereinter Kräfte walten, wird das schwerste leicht vollbracht. Vielleicht haben wir deshalb eine Institution die es eigentlich gar nicht gibt, und die doch real existiert. Die Sozialpartnerschaft. (In den früheren Warschauerpaktstaaten war es ja bekanntlich umgekehrt – seit sie diesen Fehler korrigiert haben, dürfen sie sich Reformstaaten nennen) Diese Sozialpartnerschaft regiert das Land. Der Regierung gibt sie die Aufgaben vor, und dem Parlament das Abstimmungsverhalten. Da ihre Spitzen praktischerweise auch in diesem Parlament sitzen, als Vertreter der Regierungsparteien selbstverständlich, kann bei der Beschlussfassung nichts schief gehen. Auch wenn man sich in der Debatte davor manchmal ein bisschen selbst kritisieren muss, aber das ist eben der Preis politischer Schizophrenie. Wenn dann zum Beispiel der Generalsekretär der Wirtschaftskammer und Abgeordnete der kleineren Regierungspartei mit dem Wirtschaftsminister und Parteiobmann seiner Partei verhandelt, bleibt kein Auge trocken. Diese Aufgabe wird erheblich durch die Tatsache erleichtert, dass beide Parteien über eine 2/3 Mehrheit verfügen. Gegenüber dem höchsten Verfassungsgericht, haben Sie also immer die Trumpfkarte in der Hand. (Was, dieses Gesetz entspricht nicht dem Geist der Verfassung? Jetzt schon! So einfach ist das bei uns) Auch Platz für Ausnahmen muss es geben. Zum Beispiel dann, wenn der mächtigste Verleger dieses Landes eine wünscht. Der Kunde ist eben König in einem Tourismusland, (in dem auch der Wirt vom Weißen Rössel im Parlament sitzt.) vor allem der Vermögende.

Sie werden mir zum Schluss vielleicht vorhalten, ich hätte zu einseitig, argumentiert. Ich hätte hier im Ausland nichts anderes zu tun als mein Land schlecht zumachen. Ich würde meinem Land und seiner Bevölkerung bestenfalls den Intelligenzquotient von Salzburger Nockerln zutrauen. Ich hätte also nichts anderes zu tun als ein Land, das so viel Wunderbares hervorgebracht hat, nur aus dem Blickwinkel einer Kanalratte zu betrachten. Es könnte gute Gründe dafür geben, dass es so ist. Frankreich hatte de Sade, wir Sacher-Masoch. Wir sind ein eigenartiges Volk. Mit der Annährung an die EU verloren wir unseren Spitzenplatz in der Welt-Selbstmordliga. In der ersten Spielklasse sind wir allerdings immer noch. Karl Kraus, meinte am Nationalismus störe ihm weniger der Hass auf die fremde Nation las die Liebe zur eigenen. Auf jeden Fall fällt es einem leichter sein Land zu lieben, als seine Landsleute.

Aber das werden Sie liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, so Sie mir folgen konnten, selbst wissen.

Ich danke Ihnen.

Posted: Januar 23rd, 2011 | Author: OMG | Filed under: Randnotizen | No Comments » -->